Friendly fire

Bundesweit fast 200.000 Unterstützer findet die schwulen- und lesbenfeindliche Petition gegen den baden-württembergischen Bildungsplan. Mit der AfD erstarkt eine Partei, die sich gesellschaftspolitisch nach den fünfziger Jahren sehnt. Weltweit erleben wir durch den Abbau von Menschenrechten, wie Homosexuelle erneut kriminalisiert werden. Und die Aktivisten? Beschäftigen sich lieber mit sich selbst. Ein Trauerspiel.
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Über den Irrtum, dass es nur nach vorne geht

Stillstand war das Schlimmste, was passieren konnte. Über Jahre hinweg prägten die vielen kleinen und großen Fortschritte im Kampf für Gleichberechtung und Anerkennung mein Verständnis der Lesben- und Schwulenbewegung. Die schärfsten Waffen der Gegenseite bestanden aus dem Verdrängen, Verzögern oder dem Verzerren von Wahrheiten – bis sie am Ende doch den nächsten Teilerfolg nicht verhindern konnte.

Der Irrtum ist, das für eine Art Naturgesetzt zu halten.

Inzwischen verschlechtern mehrere Länder die Situation von Lesben und Schwulen dramatisch. In Teilen von Russland, immerhin einem der größten Länder der Welt, steht „homosexuelle Propaganda“ seit 2012 unter Strafe. Als Propaganda zählt bereits, öffentlich LGBT-Rechte einzufordern. Eine landesweite Regelung scheiterte lediglich an formalen, nicht an inhaltlichen Kriterien. Uganda schraubt weiter an diskriminierenden Gesetzen, die Haft für homosexuelle Frauen und Männer vorsehen sowie mindestens Geldstrafen, wenn jemand Homosexuelle nicht denunziert. Ein Volksentscheid in den USA für ein Verbot von Homo-Ehen beschäftigt die Gerichte – und in Frankreich gehen in diesen Wochen zehntausende Menschen auf die Straße, um gegen mehr Homo-Rechte zu demonstrieren.

Wenn zum Sommer wieder in vielen deutschen Städten schwul-lesbische Straßenfeste gefeiert werden, scheinbar angekommen in der Mitte der Gesellschaft, als touristischer Höhepunkt offiziell vermarktet, sollte man diese positive Stimmung nicht als Naturgesetz verstehen. Das Eis, auf dem wir feiern, ist dünn.

Offen schwul

Ist eigentlich „offen schwul“ so etwas wie „anwesende Gäste“ oder „weißer Schimmel“?  Ich höre immer wieder Forderungen, das „offen“ zu verbannen, und zwar bitte grundsätzlich und außnahmslos. Weil niemand offen Linkshänder sei, sondern einfach Linkshänder. Und weil man, wenn jemand lesbisch oder schwul ist, das auch einfach so sagen kann – weitere Attribute sind überflüssig. Guter Punkt. In der Tat kann man das Wort in den meisten Zusammenhängen streichen, ohne den Sinn zu entstellen. Aber ganz darauf verzichten? Es gibt Fälle, da ist die Differenzierung wichtig. Klar gibt es schwule Bundesliga-Profis, das sagt zumindest die Statistik. Aber keiner der Fußballer ist, nun ja, eben offen schwul. Und auch in Ländern, in denen Homosexualität illegal ist, leben Lesben und Schwule. Aber offen dürften die wenigsten mit ihrer sexuellen Identität umgehen.

Solange man solche Unterschiede machen muss, gehört auch ein „offen“ vor das lesbisch oder schwul. Wenn es entscheidend ist.

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